Sonntags Nachrichten zu lesen, ist manchmal erfreulich, manchmal nicht. Heute war dabei die Meldung zu finden, dass in Somalia ein neuer Präsident gewählt wurde und dieser wenige Wochen nach seiner Wahl die Scharia, das islamische Recht, wieder im gesamten Land eingeführt hat. Wörtlich heißt es dann in der Süddeutschen Zeitung vom 1.3.09 sowie im Tagesspiegel vom 1.3.09:
„Der gemäßigte Islamistenführer hofft nach einer Reihe von Zusammenstößen mit Stammesmilizen, dass sich die Konfliktsituation nach Einführung der Scharia entspannt.“
Der gemäßigte Islamistenführer?
Spiegel-Online hatte bereits am 28.2.09 erläutert, dass es sich hier um eine Aussöhnung mit der „Opposition“ handele – gemeint sind radikale Islamistenmilizen –, die gedroht hatte, bis zum Abzug sämtlicher ausländischer Truppen aus Somalia und der Wiedereinführung der Scharia weiterzukämpfen.
Der Artikel fährt wörtlich fort:
„Scheich Ahmed, ein gemäßigter Islamist, war Ende Januar zum somalischen Präsidenten gewählt worden“.
Ein gemäßigter Islamist?
Drei Zeitungen, die in ihrer Beurteilung des Weltgeschehens selten einer Meinung sind, finden hier zu einer verblüffenden Koinzidenz des Begriffs „gemäßigt“ in einem Zusammenhang, in dem dieser eher nicht zu vermuten wäre. Was ist da geschehen?
Die Mäßigung gehört zu den weltlichen Tugenden, Maßlosigkeit zu vermeiden, gilt als Zeichen von Weisheit. Übersetzt in politisches Denken, geht es darum, die Extreme zu meiden und sich der (stets als maßvoll vorgestellten) Mitte anzunähern. Die deutsche Politik betreibt dies derzeit in vorbildlicher Weise – alle Parteien drängeln sich in der Mitte (nun ja, fast alle) und achten sorgfältig darauf, eine gemäßigte, maßvolle, weise Politik zu betreiben. Gelingt das einmal ausnahmsweise nicht, ist es erklärungsbedürftig – andernfalls droht unweigerlich der Verlust von Wählerstimmen, Image und Schlimmerem.
Und nun haben wir hier laut Angaben in drei wichtigen deutschen Zeitungen plötzlich „gemäßigte Islamisten“?
Das könnt ihr uns nicht antun!
Seit dem 11. September, spätestens seit den Mohammed-Karikaturen haben wir mit Mühen und Murren, aber im Großen und Ganzen recht brav die Lektion gelernt, dass man auf jeden Fall unterscheiden muss zwischen Islam und Islamismus. Der Islam ist – nun ja, wie er eben ist … auf jeden Fall natürlich nicht radikal. Der Islamismus hingegen – nun ja, da gibt es gewisse, wie soll man sagen, radikale Tendenzen …. die man natürlich keinesfalls dem Islam anlasten kann … Islamisten sind ja höchstens eine Minderheit und der Islam an sich ist – nun ja, einfach nur eine Religion, wie wir alle wissen.
Wir hatten also gelernt: Islamisten sind Radikale. Und uns damit abgefunden, dass der Mensch an sich vielleicht doch nicht gut ist. Nun aber steht offenbar eine neue Lektion an: Es gibt neuerdings sogar gemäßigte Islamisten, das heißt gemäßigte Radikale!
Wenn ich diese Berichte über Somalia lese, unterscheidet sich der gemäßigte Islamistenführer von den radikalen Islamisten lediglich darin, dass er die Scharia freiwillig und auf parlamentarischem Wege einführt. Auf diese zweifellos gemäßigte Weise vermeidet er die andernfalls unweigerlich entstehende Maßlosigkeit, die darin bestehen würde, Scharia-Gegner einfach ohne gesetzliche Grundlage umzubringen. Da sind wir erleichtert! Statt dessen können sie künftig rechtmäßig umgebracht werden. Und dass das rechtmäßig und damit schon in Ordnung sei, vermitteln uns drei wichtige deutsche Zeitungen durch die ganz unauffällige Wahl des ganz unauffälligen Wortes „gemäßigt“ – bei dem wir alle an Mäßigung, Ausgleich, Vernunft, ja sogar Weisheit denken.
Was sagt uns das? Papier ist geduldig. Sprache auch.
Ich aber nicht. Ich bestehe darauf, dass jemand, der die Scharia in seinem Land einführt, nicht „gemäßigt“ ist, sondern ein Radikaler und Extremist und sich der Beihilfe zu Menschenrechtsverletzungen, Mord, schwerer Körperverletzung und anderen Kapitalverbrechen schuldig macht – und jede Lebensfreude erstickt, wie Spiegel Online auch berichtet:
„Die Islamisten richteten Menschen hin, schlossen Kinos und Fotoläden, verboten Live-Musik und verfolgten Frauen, die die strengen Kleidervorschriften nicht einhielten.“
Waren das nun die radikalen Islamisten oder die gemäßigten Islamisten?
Für heute habe ich genug von den Nachrichten. Einen friedlichen Sonntag allerseits. Gehen Sie ins Kino, schenken Sie Ihren Kindern Konzertkarten und machen Sie ein paar Fotos von Ihrer Frau.