Twittern und followen

Seit einiger Zeit gibt es „Twitter“, offenbar die nächste grandiose Erfolgsgeschichte im Web 2.0. Alle Welt spricht von „Twitter“, findet es wunderbar, hält es für enorm wichtig und prophezeit ihm eine glorreiche Zukunft in privaten ebenso wie in geschäftlichen Sphären. 

Ich gestehe lieber gleich, dass mich weder das Plappern im Allgemeinen noch  Twitter im Besonderen begeistern können. Nicht einmal sein Charakter als neues, buntes Online-Spielzeug kann daran etwas ändern. Das hat mehrere Gründe.

Erstens ziehe ich einen substanziellen Gedankenaustausch einem virtuellen Dauer-Smalltalk jederzeit vor. Selbst bei äußerstem Wohlwollen kann ich nicht behaupten, es interessiere mich, dass gestern Abend eine bestimmte Person an einer Bushaltestelle stand und es regnete.

Zweitens empfinde ich die Qualität der Zeit als etwas ungemein Kostbares und kann mich für Zeitvernichtungsinstrumente nicht erwärmen. Wo in aller Welt finden twitternde Geschäftsleute und andere arbeitende Menschen dafür genügend Lücken in ihrem Terminkalender?

Vor allem aber ist die Übersetzerin in mir über die „Follower“ gestolpert. Auf Twitter sammelt man „Follower“ – manche haben es schon auf Hunderte gebracht. Nanu? Ich ziehe das Lexikon zu Rate und das bietet mir vielfältige Möglichkeiten an:  Nachfolger/in, Getreue, Anhänger/in, ja sogar Jünger und Verehrer und – wie schrecklich – Mitläufer. Oje. (Da ist ja selbst mit dem technischen Begriff „Nachlaufregler“ nichts mehr zu retten. Ob vielleicht die „Leitbacke“ …?)

Möchte ich anderer Menschen Anhängerin sein? Sollte ich Menschen verehren, die ich gar nicht kenne? Wünsche ich mir getreue Gefolgsleute?

Das würde nichts werden, ich ahne es. Aber ich wünsche fröhliches Twittern allerseits. Wir brauchen fröhliche, gut gelaunte Menschen, jetzt mitten in der Krise!

Gemäßigte Radikale?

Sonntags Nachrichten zu lesen, ist manchmal erfreulich, manchmal nicht. Heute war dabei die Meldung zu finden, dass in Somalia ein neuer Präsident gewählt wurde und dieser wenige Wochen nach seiner Wahl die Scharia, das islamische Recht, wieder im gesamten Land eingeführt hat. Wörtlich heißt es dann in der Süddeutschen Zeitung vom 1.3.09 sowie im Tagesspiegel vom 1.3.09:

Der gemäßigte Islamistenführer hofft nach einer Reihe von Zusammenstößen mit Stammesmilizen, dass sich die Konfliktsituation nach Einführung der Scharia entspannt.“

Der gemäßigte Islamistenführer?

 

Spiegel-Online hatte bereits am 28.2.09 erläutert, dass es sich hier um eine Aussöhnung mit der „Opposition“ handele – gemeint sind radikale Islamistenmilizen –, die gedroht hatte, bis zum Abzug sämtlicher ausländischer Truppen aus Somalia und der Wiedereinführung der Scharia weiterzukämpfen.

 

Der Artikel fährt wörtlich fort:

Scheich Ahmed, ein gemäßigter Islamist, war Ende Januar zum somalischen Präsidenten gewählt worden“.

Ein gemäßigter Islamist?

 

Drei Zeitungen, die in ihrer Beurteilung des Weltgeschehens selten einer Meinung sind, finden hier zu einer verblüffenden Koinzidenz des Begriffs „gemäßigt“ in einem Zusammenhang, in dem dieser eher nicht zu vermuten wäre. Was ist da geschehen?

 

Die Mäßigung gehört zu den weltlichen Tugenden, Maßlosigkeit zu vermeiden, gilt als Zeichen von Weisheit. Übersetzt in politisches Denken, geht es darum, die Extreme zu meiden und sich der (stets als maßvoll vorgestellten) Mitte anzunähern. Die deutsche Politik betreibt dies derzeit in vorbildlicher Weise – alle Parteien drängeln sich in der Mitte (nun ja, fast alle) und achten sorgfältig darauf, eine gemäßigte, maßvolle, weise Politik zu betreiben. Gelingt das einmal ausnahmsweise nicht, ist es erklärungsbedürftig – andernfalls droht unweigerlich der Verlust von Wählerstimmen, Image und Schlimmerem.

 

Und nun haben wir hier laut Angaben in drei wichtigen deutschen Zeitungen plötzlich „gemäßigte Islamisten“? 

 

Das könnt ihr uns nicht antun!

 

Seit dem 11. September, spätestens seit den Mohammed-Karikaturen haben wir mit Mühen und Murren, aber im Großen und Ganzen recht brav die Lektion gelernt, dass man auf jeden Fall unterscheiden muss zwischen Islam und Islamismus. Der Islam ist – nun ja, wie er eben ist … auf jeden Fall natürlich nicht radikal. Der Islamismus hingegen – nun ja, da gibt es gewisse, wie soll man sagen, radikale Tendenzen …. die man natürlich keinesfalls dem Islam anlasten kann … Islamisten sind ja höchstens eine Minderheit und der Islam an sich ist – nun ja, einfach nur eine Religion, wie wir alle wissen.

 

Wir hatten also gelernt: Islamisten sind Radikale. Und uns damit abgefunden, dass der Mensch an sich vielleicht doch nicht gut ist. Nun aber steht offenbar eine neue Lektion an: Es gibt neuerdings sogar gemäßigte Islamisten, das heißt gemäßigte Radikale!

 

Wenn ich diese Berichte über Somalia lese, unterscheidet sich der gemäßigte Islamistenführer von den radikalen Islamisten lediglich darin, dass er die Scharia freiwillig und auf parlamentarischem Wege einführt. Auf diese zweifellos gemäßigte Weise vermeidet er die andernfalls unweigerlich entstehende Maßlosigkeit, die darin bestehen würde, Scharia-Gegner einfach ohne gesetzliche Grundlage umzubringen. Da sind wir erleichtert! Statt dessen können sie künftig rechtmäßig umgebracht werden. Und dass das rechtmäßig und damit schon in Ordnung sei, vermitteln uns drei wichtige deutsche Zeitungen durch die ganz unauffällige Wahl des ganz unauffälligen Wortes „gemäßigt“ – bei dem wir alle an Mäßigung, Ausgleich, Vernunft, ja sogar Weisheit denken.

 

Was sagt uns das? Papier ist geduldig. Sprache auch.

 

Ich aber nicht. Ich bestehe darauf, dass jemand, der die Scharia in seinem Land einführt, nicht „gemäßigt“ ist, sondern ein Radikaler und Extremist und sich der Beihilfe zu Menschenrechtsverletzungen, Mord, schwerer Körperverletzung und anderen Kapitalverbrechen schuldig macht – und jede Lebensfreude erstickt, wie Spiegel Online auch berichtet:

„Die Islamisten richteten Menschen hin, schlossen Kinos und Fotoläden, verboten Live-Musik und verfolgten Frauen, die die strengen Kleidervorschriften nicht einhielten.“

Waren das nun die radikalen Islamisten oder die gemäßigten Islamisten?

 

Für heute habe ich genug von den Nachrichten. Einen friedlichen Sonntag allerseits. Gehen Sie ins Kino, schenken Sie Ihren Kindern Konzertkarten und machen Sie ein paar Fotos von Ihrer Frau.

 

 

Debakel

Gefunden auf n-tv.de am 28.2.09:

„Sie müssten die Verantwortung für ihre die Partei in ein Debakel gestoßene Entscheidung tragen.“

Hätte das Debakel der Partei nicht offenbar noch andere Ursachen gehabt, wäre es sicher spätestens nach einer derartigen Berichterstattung eingetreten.

Das Gegenteil?

Was ist das Gegenteil von Sprachkunst?

Sprachnatur?
Sprachkitsch?
Sprachrealität?
Sprachunvermögen?

Alles schon dagewesen.

Natürliche Feindschaft

Wie es mein Beruf verlangt, bin ich den größten Teil des Tages mit dem Lesen und Übersetzen von Fachtexten beschäftigt. Das heißt, ich verbringe diesen größten Teil des Tages in unwegsamem und oft vermintem Gelände. Nicht dass die Texte selbst mir feindlich gesonnen wären – würde ich einfach weiterlesen und sie in Ruhe lassen, würden sie ihre Eigenarten friedlich und weitgehend unbemerkt entwickeln. Aber genau das ist mir nun einmal nicht möglich.

Es ist umgekehrt: Ich bin die natürliche Feindin – von Anglizismen, Abkürzungen (insbesondere der Unterart der SMS-Fähigen), Worthülsen und Leerformeln. Ich fange Redundanzen mit dem Lasso ein und werde bei Schachtelsätzen zur Drachentöterin.  

Alle diese Phänomene scheinen sich durch einfache Teilung zu vermehren und lassen sich offenbar nicht auf biologischem Wege bekämpfen. Die einzige Möglichkeit, sie kurz zu halten, besteht darin, sie regelmäßig auszujäten. Auszurotten sind sie nicht – es bleibt nichts anderes übrig, als die Koexistenz mit ihnen zu suchen.

Einige zugegebenermaßen besonders hübsche Exemplare  (wie etwa die alten Kulturpflanzen „schräge Metapher“ oder „gedroschene Phrase“) dürfen auf dem Komposthaufen weiterleben.

Am Anfang war das Wort

„Am Anfang war das Wort“ – das ist zwar nicht immer zutreffend, soll aber hier für den Anfang genügen ….

Sprache tut Not. Sprache und Denken sind untrennbar miteinander verbunden. Sich sprechend und schreibend mit anderen zu verständigen, füllt so manchen All-Tag und bestimmt seit vielen Jahren meinen Arbeitstag. Beobachtungen der Welten, in denen ich mich bewege, und der ihnen eigenen Sprachen führen gelegentlich zu zufälligen Erkenntnissen, bilden häufiger unvermeidbare Stolpersteine und hinterlassen stets Spuren. 

Bitte, hier sind sie.



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